Einleitung
Nach der enttäuschenden Weltmeisterschaft ist die Debatte um Joshua Kimmichs Zukunft in der Nationalmannschaft neu entbrannt. Dietmar Hamann rät ihm öffentlich, seine Länderspielkarriere zu überdenken und eine Pause in Erwägung zu ziehen.
Lothar Matthäus hält dagegen und sieht Kimmich weiter als Schlüsselfigur. Dahinter steht die größere Frage, wie ein moderner Mittelfeldspieler bewertet und eingesetzt wird.
Analyse der Mannschaft und des Spielers
Joshua Kimmich vereint mehrere Rollen: Er ist Ballverteiler und defensiver Absicherer. Er liest Räume und steuert das Tempo.
Seine Vielseitigkeit als rechter Verteidiger und zentraler Mittelfeldspieler gibt der Mannschaft Flexibilität. Trainer können ihn als tiefen Sechser für die Ballzirkulation nutzen oder als Bindeglied zwischen Defensive und Angriff.
Wesentlich ist seine Entscheidungsstärke unter Druck. Auf Klubebene zählt er zu den Spielern, die in engen Situationen Ruhe bewahren und früh die richtige Option wählen – in Turnieren besonders wertvoll.
Schlüsselfaktoren
Erstens: Spielintelligenz. Seine Antizipation neutralisiert gegnerisches Pressing und ermöglicht sauberes Umschalten. Das kompensiert gelegentliche Defizite in der Endgeschwindigkeit.
Zweitens: Passspiel und Aufbau. Kimmich strukturiert kurze Kombinationen und spielt präzise Diagonalbälle, die Flügel in Räume bringen. Das ist unverzichtbar, wenn Deutschland den Ball dominieren muss.
Drittens: Führungsrolle. Auf dem Platz agiert er wie ein verlängerter Trainerarm. Kommunikation, Korrekturen im Stellungsspiel und klare Hinweise helfen besonders jüngeren Mitspielern.
Viertens: Belastungssteuerung. Nach der WM richtete sich Kritik auf Formschwankungen und Müdigkeit. Das ist vor allem ein Managementthema: Rotation und individuelle Trainingssteuerung sind nötig, um Leistung langfristig zu sichern.
Szenario: Wie Kimmich ein Spiel bestimmen kann
Gegen einen Gegner mit frühem Pressing bietet sich Kimmich tiefer an, antizipiert Druck und sichert den Ball über kurze Dreiecke.
Bei Umschaltmomenten verlagert er schnell per Diagonalball und öffnet Flügelräume für Überzahl. Entscheidend: Er wählt nicht die spektakuläre, sondern die richtige Option.
Ballfern sichert er den Sechserraum, sodass Außenverteidiger höher schieben können. So wird er zum Scharnier, das Defensivstabilität und Offensivfreiraum verbindet.
Auch bei Standards ist er prägend: als Ausführer ruhender Bälle oder Organisator der zweiten Welle. Das macht die Mannschaft variabler.
Gegenargumente und Kontext
Hamanns Forderung nach einem Rückzug folgt der Idee, ein Neustart gelinge nur ohne etablierte Figuren. Das hat Gewicht, wenn Frische und mentale Erneuerung oberste Priorität haben.
Teamaufbau beruht jedoch nicht nur auf Personalwechseln, sondern vor allem auf Struktur. Ein Spieler wie Kimmich bietet trotz schwächerer Phasen Konstanz in der Umsetzung. Ihn zum Sündenbock zu machen, verkennt tieferliegende Probleme in Organisation und Planung.
Zukünftige Nutzung und Empfehlungen
Wenn Kimmich bleiben soll, braucht es drei Zusagen: erstens ein individuelles Belastungsmanagement über Klub- und Turnierzyklen hinweg; zweitens klare taktische Rollen, die seine Stärken ins Zentrum rücken; drittens einen Plan zur schrittweisen Einbindung Jüngerer, in dem Kimmich als Mentor wirkt.
Pragmatisch ist ein situativer Einsatz: gegen hoch pressende Teams als Ballverteiler, in tempointensiven Spielen mit entlastenden Partnern neben sich. So bleibt seine Wirkung hoch, ohne ihn zu überladen.
Schlussfolgerung
Die Kontroverse um Kimmich steht für größere Fragen im deutschen Fußball: Radikaler Neuanfang oder Kontinuität mit gezielten Anpassungen?
Matthäus’ Plädoyer ist ein Votum für Qualität und taktische Relevanz. Kimmichs Profil ist schwer zu ersetzen. Nach der enttäuschenden WM braucht es keinen Abschied, sondern eine präzisere Rolle und eine klarere Teamarchitektur.

Kurz gesagt: Kimmich ist kein Problem, das man wegtrainiert. Er ist ein Baustein, den man neu ordnen und gezielt nutzen muss, wenn Deutschland zur Spitze zurückkehren will.




